HUNDERTAUSEND LIEDERKEIME

HOMAGE AN DIE KOMPONISTINNEN DES 19. JH.

Neue Westfälische, Dienstag, 21.05.2013
FOTO: ANDREAS ZOBE

Von Frauen für alle
OETKERHALLE: Spätromantischer Liederabend
VON FIONA SCHMIDT

Bielefeld. Man muss nur lange genug und intensiv suchen, dann findet man sie – eine ganze Reihe begabter
Komponistinnen aus der Zeit der Spätromantik. Alle eint ihr Geburtsdatum innerhalb des 19. Jahrhunderts.
Keine leichte Zeit, um sich gegen die gesellschaftlichen Widerstände (von Männern dominiert) durchzusetzen
und sich der Musik zu widmen.

Vieles ist verschollen, Noten und Aufzeichnungen wurden gar nicht erst gedruckt oder archiviert, einiges
wird nach und nach wiederentdeckt. Auf jeden Fall eine lohnenswerte Aufgabe, davon konnte sich das Publikum beim Liederabend im Kleinen Saal der Oetkerhalle überzeugen.

Sopranistin Christín Enke-Mollnar und Pianistin Nadja Naumova gaben einen umfangreichen, reizvollen
Einblick in das Werk von zehn spätromantischen Komponistinnen. Birgit Kronshage moderierte den Abend
und versorgte die Zuhörer mit biografischen Informationen.
„Sehnsucht, Freude und Leid“ Die Veranstalter stellten das Konzert unter das Motto „Hunderttausend Liederkeime“, ein Liedtitel der Komponistin Mathilde Kralik von Meyrswalden (1857-1944). Deren Urgroßneffe Rochus Kralik von Meyrswalden hat diesen Liederabend gemeinsam mit Doris Steinmeier organisiert. Er war gespannt – und anschließend hoch erfreut – hier nun einige Stücke seiner Wiener Vorfahrin zu hören, übrigens als Uraufführung.

Sie studierte am Wiener Konservatorium und hinterließ mit über 300 Liedkompositionen (meist zu
Gedichten ihres Bruders Richard) ein umfangreiches Werk.
Neben Stücken von bekannteren Namen wie Fanny Hensel (Mendelssohn), Clara Schumann und Alma Mahler
hörte das Publikum zahlreiche kleine musikalische Schätze von Emilie Mayer, Luise Adolpha Le Beau,
Martha von Wittich, Vilma von Webenau, Pauline Viardot und Lili Boulanger. Eine Entdeckungsreise in eine
Zeit, die gar nicht so weit zurück liegt, in der aber die Lebensbedingungen der Frauen viel festgezurrter waren, also: Ehefrau, Familie, Musik nur für den Hausgebrauch. Öffentliche Konzerte von Komponistinnen?
„Von einer eigentlichen Rezension kann hier keine Rede sein, weil es sich um eine Dame handelt“, so schrieb ein Musikkritiker damals, berichtete Birgit Kronshage. Schade, da ist den Herren einiges an wunderbarer Musik entgangen.

Mit Christín Enke-Mollnar und Nadja Naumova hatten die zehn Komponistinnen zwei Vortragskünstlerinnen
an ihrer Seite und auf der Bühne, die sich sehr überzeugend für ihre Musik einsetzten. Ob Sehnsucht,
Freude oder Leid, ob träumerisch zart, beschwingt, heiter, keck oder dramatisch aufgewühlt – Sopranistin
Christín Enke- Mollnar brachte sämtliche wechselnden Gefühlslagen und Empfindungen intensiv zum Ausdruck.
Exakt artikuliert und mit volltönender wie zurückgenommener Stimmführung verdeutlichte sie in
den zwei Stunden so auch die individuellen kompositorischen Eigenheiten der zehn Damen. Mit profunder
Kenntnis begleitet von Pianistin Nadja Naumova, die im harmonischen Zusammenklang mit dem Gesang als gleichberechtigte Musikpartnerin aufspielte und stimmungsvolle Akzente setzte.

Zum Schluss gab es langanhaltenden Applaus vom Publikum, das einen äußerst gelungenen, gefühl- und
kunstvollen, spätromantischen Liederabend erlebte. Von Frauen für alle – mehr davon.