veröffentlicht am: 5. Juni 2025
Urlaub 2024
Wieder habe ich ein Buch gelesen, das mich nicht mehr loslässt. Es hat sich mit seiner brutalen Klarheit und schmerzhaften Ehrlichkeit tief in mein Denken eingebrannt: „Blutrotes Kobalt – Der Kongo und die brutale Realität hinter dem Konsum“ von Siddharth Kara. Es ist kein Buch, das man einfach so liest. Es ist ein Weckruf, ein Schlag in den Magen, ein Blick in eine Hölle, die wir mit unserem Alltag bequem ausblenden.
Kara beschreibt in schonungsloser Detailgenauigkeit die Bedingungen, unter denen Kobalt im Kongo abgebaut wird – jenes unscheinbare Mineral, das unsere Smartphones antreibt, unsere Elektroautos „grün“ macht und uns ein modernes, nachhaltiges Gewissen verkauft. Doch was sich hinter dieser glänzenden Fassade verbirgt, ist das Gegenteil von Fortschritt: Kinder, die mit bloßen Händen in Erdlöchern graben. Männer, die ohne Schutzkleidung in einsturzgefährdeten Minen schuften. Frauen, deren Körper und Würde systematisch gebrochen werden. Alles im Namen eines globalen Fortschritts, der mit Blut erkauft wird.
Beim Lesen fühlte ich mich erinnert an einen Ausstellungsbesuch, der mich ähnlich erschüttert hat: „Asche und Gold“ im MARTa Herford im Frühjahr 2012. Auch dort ging es um die Ambivalenz eines kostbaren Materials – Gold, das Symbol für Reichtum, Macht und göttliche Schönheit, das zugleich Tod, Ausbeutung und Zerstörung bedeutet. Die Künstler*innen der Ausstellung zeigten Gold nicht als Schmuck, sondern als Schlacke, als Asche, als trügerisches Versprechen. Ihre Werke entlarvten das Edelmetall als toxische Substanz, die alles verzehrt, was ihr zu nahe kommt.
Die Parallele zu Karas Buch ist erschütternd. Wie Gold ist auch Kobalt ein Symbol geworden – nicht für Glanz, sondern für das, was im Glanz verborgen liegt. Beide Stoffe stehen für eine Wirtschaft, die auf Kosten der Unsichtbaren funktioniert. Für eine Gier, die alles verschlingt. Für ein Schweigen, das erst durch Kunst, Literatur und mutige Stimmen wie die von Siddharth Kara durchbrochen wird.
Kara beschreibt das Elend nicht nur als Beobachter. Er war vor Ort, hat mit Betroffenen gesprochen, hat ihre Geschichten gehört, ihre Wunden gesehen. Er lässt sie zu Wort kommen – eindringlich, respektvoll, schockierend. Es ist diese Nähe, die das Buch so unerträglich ehrlich macht. Und so wichtig.
Ich lese es nicht nur als Konsumentin, sondern auch als Künstlerin. Es zwingt mich, über Materialien nachzudenken, über Herkunft, über Verantwortung. Es stellt Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Es zeigt aber auch: Kunst und Literatur können Türen öffnen, die zu lange verschlossen waren. Sie können das Unsichtbare sichtbar machen. Den Schmerz in Schönheit verwandeln – nicht, um ihn zu kaschieren, sondern um ihn begreifbar zu machen.
Ich wünsche mir, dass dieses Buch gelesen wird. Nicht nur von Aktivistinnen oder Journalistinnen. Sondern von uns allen – Konsumentinnen, Künstlerinnen, Unternehmerinnen, Politikerinnen. Denn das, was im Kongo geschieht, geschieht nicht im luftleeren Raum. Es geschieht auch, weil wir hinschauen, ohne wirklich zu sehen. Weil wir profitieren, ohne uns verantwortlich zu fühlen.
„Blutrotes Kobalt“ ist keine einfache Lektüre – aber eine notwendige. Wie ein Kunstwerk, das weh tut, weil es so wahr ist. Wie „Asche und Gold“, das mich damals zum ersten Mal wirklich verstehen ließ, wie eng Schönheit und Schrecken, Reichtum und Zerstörung zusammenhängen.
Ich wünsche mir mehr Kunst, die solche Bücher reflektiert. Mehr Bücher, die solche Realitäten ausleuchten. Und mehr Menschen, die beides miteinander verbinden – als Betrachtende, als Lesende, als Handelnde. Denn nur so können wir vielleicht irgendwann sagen: Wir wussten es. Und wir haben nicht länger weggesehen.
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen